Reinhold war vom 20.4.1933 bis Weihnachten 1933 im KZ Heuberg und anschließend bis zum 20.3.1934 im Oberen Kuhberg inhaftiert. Nach seiner Freilassung betrieb er in Löchgau eine Schneiderwerkstatt. Soweit es ihm möglich war, kaufte er seine Stoffe bei einem Juden in Freudental. Er wurde angezeigt und stand deshalb unter zusätzlicher Be- obachtung.
Am 28.12.1937 wurde Reinhold erneut verhaftet und in das berüchtigte „Hotel Silber“, das Gestapo-Gefängnis in Stuttgart, gebracht. Hintergrund dieser Verhaftung: Ein jüdisches Ehepaar (Namen unbekannt) war bei dem Versuch in die Schweiz zu fliehen gefasst worden. Unter starken Folterungen durch die Gestapo gab das Ehepaar den Namen ihres Fluchthelfers preis.

Reinhold Bechtle um 1933 (A-DZOK, Bechtle 2003)

Reinhold war bis zum 12. Januar 1938 schwersten Folterungen in Stuttgart ausgesetzt. Trotzdem gab er die Namen seiner Genossen der Gestapo nicht bekannt. Am 12. Januar wurde er, mehr tot als lebendig, in das KZ Welzheim überführt. Er konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten und auch nichts mehr essen.
Am nächsten Morgen fand man Reinhold erhängt im Arrestbunker des KZ. Die Familie wurde vom Gemeindeamt Löchgau über den Tod des Bruders benachrichtigt. Sein Bruder Emil hat den Toten in Welzheim abgeholt. Kommandant Buck hatte die Abholung mit einem Kfz verboten, weshalb Emil den Toten mit einer Handkarre bei Nacht abholen musste. Es wagte niemand die Trauerrede im Krematorium Ludwigsburg zu halten,

 

so dass Emil der einzige Redner war. Trotzdem haben viele Freunde und Löchgauer Bürger Reinhold das letzte Geleit gegeben.
Die Behauptung der Gestapo, Reinhold habe Selbstmord begangen, widerspricht Wilhelm Bechtle (Aufstieg Nr. 5, Mai 1979), es sei Mord gewesen. Als er 1940 selbst in das KZ Welzheim eingeliefert worden sei, hätten ihm andere Häftlinge erzählt, dass sein Bruder schon beim Eintreffen im Lager schwer misshandelt worden sei und dass der Kommandant Buck zu seinem Bruder gesagt habe: „Das Beste ist, Du hängst dich gleich auf.“ Am anderen Morgen sei sein Bruder tot aufgefunden worden, nachdem ihm am Abend zuvor alles abgenommen worden war, mit dessen Hilfe er sich hätte aufhängen können.
In der Gemeinde Löchgau, dem Geburts- und Wohnort von Reinhold wurde eine kleine Straße nach ihm benannt, die Reinholdstraße. Der Nachname wird nicht erwähnt. Aufgrund eines Landesgesetzes ist die Grabstätte von Reinhold Bechtle unter Schutz gestellt. Es ist deshalb heute das älteste Grab auf dem Löchgauer Friedhof.

Emil Bechtle:
vom Widerstand gegen die Nazis zum Widerstand gegen die Wiederaufrüstung
Emil erlernte den Beruf des Kaufmanns. Gemeinsam mit seinem Bruder Reinhold trat er am 1. Mai 1924 dem KJVD bei, später der KPD. Im September 1933 wurde Emil von der Gestapo verhaftet und nach Berlin  verschleppt, wo er vier Monate festgehalten wurde. Nach dieser Verhaftung wurde Emil nach Intervention von ihm wohl gesonnenen Chefs seiner Firma an den Bodensee versetzt. Hier lernte er Franziska Baumann kennen, die Tochter einer Jüdin. Sie heirateten am 5.10.1935 in Weingarten, kurz  nach der Verkündung der Nürnberger Rassengesetze. Staatlicherseits wird ihm die kostenlose Aufl ösung der Ehe mit einer Halbjüdin nahe gelegt. Emil widersteht.
Zu dieser Zeit war er weiterhin für die Maggi-GmbH als Vertreter tätig. Er war zeitweise der einzige der Brüder, der noch in Freiheit war und Geld verdiente. Seine Mutter wurde mit ständigen Hausdurchsuchungen schikaniert.

 

Er half ihr und anderen Familien. Mit Kriegsbeginn verlor er seine Arbeit und wurde zur Wehrmacht einzogen.

Nach 1945 war Emil Geschäftsführer einer Holzbearbeitungsfi rma, später Verlagsleiter einer Zeitung. 1951 engagierte er sich in leitender Funktion im „Hauptausschuss Volksbefragung gegen die Remilitarisierung“. Er wurde deshalb mit anderen vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe wegen Hochverrats angeklagt und 1954 zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Er entzog sich der Strafe und wurde am 1.6.1965 erneut verhaftet. Zur Strafverbüßung wurde er nach Bonn und Karlsruhe-Durlach gebracht. Einen Besuch bei seiner sterbenskranken Frau Franziska im Reutlinger Krankenhaus wird abgelehnt. An der Beerdigung von Franziska am 21. Januar 1966 darf er für zwei Stunden, bewacht von zwei Kriminalbeamten, teilnehmen. (...)

Isoliert in der Heimatstadt:
die Schwestern Mathilde, Luise, Hermine
Nach dem Tod der Mutter im Jahr 1938 mussten sich die drei Schwestern vor allem um Lotte, ihre Nichte, Tochter des eingekerkerten Wilhelm, kümmern. Lottes Mutter war bei deren Geburt verstorben. Lotte wuchs zunächst bei der ältesten Schwester, ihrer Tante Mathilde auf, nach deren Erkrankung an Tuberkulose bei der Großmutter Luise. Nach deren Tod lebte sie bis zum Kriegsende in der Familie ihrer Tante Luise. (Lotte war beim Besuch am 2. Mai 2003 in der Ulmer Gedenkstätte dabei; auf dem Foto siebte von rechts, mit Stock.)
Nach der Ermordung von Reinhold und der Einkerkerung von Wilhelm sowie den ständigen Haus-durchsuchungen wollten viele Mitbürger von Löchgau mit den Schwestern nichts mehr zu tun haben. Auch eine Schwester der Großmutter Luise hat sich abgewandt und nach dem Tod von Reinhold nicht kondoliert. Besonders schwierig war es unter diesen Bedingungen den kleinen Laden über die Runden zu bringen. Es gibt heute noch sehr alte Leute im Ort, die zu der noch lebenden jüngsten Schwester Hermine aus diesen Gründen Distanz halten.

 

 

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