Beamte im Nationalsozialismus:
eine Elite, die „funktionierte“

Rückblick auf eine Veranstaltungsreihe aus Anlass der Debatte um Theodor Pfizer

Wie in den letzten Mitteilungen angekündigt, führte das Dokumen-tationszentrum zusammen mit der Ulmer Volkshochschule und dem Verein „Gegen Vergessen“ in diesem Herbst eine Veranstaltungsreihe zur Rolle der Beamten im NS-Staat durch.
Dabei referierten
- Annegret Ehmann aus Berlin unter dem Titel „Enteignung der Staatsfeinde“ über deutsche Finanz-ämter im NS-Staat;
- Heiner Lichtenstein aus Köln unter dem Titel „Räderwerk des Todes“ über die Deutsche Reichsbahn und den „Holocaust“;
- Frank Raberg aus Neresheim unter dem Titel „Ein Instrument des ‚Führerwillens‘“ über die Polizei am Beispiel Württembergs.

Der Moderator der Reihe, Silvester Lechner, wies eingangs darauf hin, dass der erste Anlass für diese Reihe in der lokalen Diskussion um den langjährigen Ulmer Nachkriegs-Oberbürgermeister Theodor Pfi zer lag. Im letzten Heft der Mitteilungen wurde unter der Überschrift „Theodor Pfizer – ‚ein Bildungsbürger im Dienste der Stadt‘ … und des NS-Staates“ darüber berichtet.
Einen zweiten, noch aktuelleren Anlass sah Lechner in dem in diesen Tagen in die Kinos gekommenen Film „Der Untergang“. Der mit diesem Film verbundenen Zentrierung in der Wahrnehmung der NS-Zeit auf Hitler wolle man etwas entgegensetzen: nämlich den Blick auf die Gruppen der deutschen
Bevölkerung,

 
 

die das Regime zu seiner vernichtenden Perfektion brachten, nämlich die sozialen Eliten der Zeit, darunter die Beamten. Anknüpfend an diese Einleitung fasste Lechner am Ende des dritten Abends die Ergebnisse so zusammen:
1. Bis auf diejenigen Beamten, die der NS-Staat von sich aus nicht wollte, hat sich die große Mehrheit angepasst und in der Regel auch mitgemacht. Deshalb sei historisch eine Art „Generalverdacht“ gegenüber Beamten in der NS-Zeit als Hypothese zu vertreten.
2. Natürlich müsse auch jeder Fall einzeln betrachtet werden, müssten Abstufungen im Verhalten und vorhandene und wahrgenommene Handlungsspielräume beschrieben werden.
3. Selbstgerechte Schuldvorwürfe vom Jahr 2004 aus auf die aktive Generation von damals seien nicht angebracht. Vielmehr ergeben sich aus der Betrachtung der historischen Umstände und der jeweiligen Person Fragen an uns selbst, an unsere Gesellschaft: wo sind Rechtsstaat und Menschenrechte tangiert, wo machen wir mit und was tun wir zu Ihrer Verteidigung?
4. Zur Person von Theodor Pfizer und seiner Rolle als Reichsbahn-Beamter in der Zeit des Nationalsozialismus sind drei Dinge festzuhalten:
- Er war 24 Jahre (1948 – 1972) Oberbürgermeister von Ulm und hat sich um den demokratischen Aufbau der Stadt außergewöhnlich verdient gemacht, ohne die Ausein-andersetzung mit

 
 

dem NS-Staat auszublenden. So hat er – um nur zwei Beispiele zu nennen – nicht nur die Entwicklung der Ulmer Volkshochschule unter der Leitung von Inge Aicher-Scholl, sondern auch die Entstehung der KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg nachhaltig gefördert (vgl. Foto).
- Er war allerdings auch von 1932 bis mindestens 1947 Reichsbahnbeamter im höheren Dienst. Es ist sicher, aber durch kein Dokument bisher bewiesen, dass er von allen Funktionen der Reichsbahn im NS-Staat zumindest wusste. Seine Personalakte ist bisher nicht aufgetaucht. Leider hat er selbst zur Aufklärung seiner Tätigkeiten bei der Reichsbahn nichts Konkretes beigetragen.
- Diese Determinanten machen Pfizer zu einem exemplarischen und denkwürdigen regionalen Fall für die Situation der (Beamten-)Eliten beim Aufbau der Bundesrepublik: Kein Fall für Häme und nachträgliche Besserwisserei, sondern fürs Hinschauen und Lernen in unserer demokratischen Gesellschaft von heute und morgen. (sl)

14. Februar 1971: Konstituierende Sitzung des Kuratoriums „Gedenkstätte KZ Oberer Kuhberg Ulm“ im Club Orange der Volkshochschule. Im Hintergrund, dritter von rechts, neben der Lampe, Theodor Pfi zer (Pfeil). Weitere Teilnehmer, u. a.: Inge Aicher-Scholl, Rolf Dick, Kurt Fried, Hans Gasparitsch, Otto Hornischer, Julius Schätzle (A-DZOK, R1/467-4020, aus : A-SWP Ulm, Foto: M. Müssig)

 

 

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