Starke Gefühle – sehr gemischt
Im internationalen Jugendcamp von DZOK und Aktion Sühnezeichen prallten unterschiedlichste
Erwartungen aufeinander … und eskalierten

Seit Ende der 70er Jahre gab es rund um die Ulmer KZ-Gedenkstätte über 20 internationale Jugendcamps. Sie endeten bisher immer mit Überschriften (Mitteilungen 40) wie im Jahr 2003: „‚In Ulm fühlten wir uns, als ob wir zu Hause wären‘. Internationales Jugendcamp war sehr erfolgreich“.
Diesmal war es anders. Groß waren die Anstrengungen bei der Vorbereitung, breit und differenziert erschien das Programm und sehr viel lief dann auch harmonisch und gut. Aber: nach der Hälfte des camps wurden vier Teilnehmer/innen ausgeschlossen. Und das hinterließ tiefe Spuren bei allen Beteiligten bis zum Ende des Camps und darüber hinaus. Die DZOK-Verantwortlichen jedenfalls haben beschlossen, im kommenden Jahr kein camp zu veranstalten: Pause fürs Nachdenken und Verarbeiten. Nun der Bericht. (Die Gesamt-Dokumentation kann im DZOK eingesehen werden.)
 

 

Tagesablauf und Programm

1. Übernachtung, Frühstück und Abendessen in der Ulmer Jugendherberge.
2. Gearbeitet wurde an sieben Tagen täglich etwa fünf Stunden, und zwar im Außenlager Gleiselstetten des ehemaligen KZ Oberer Kuhberg. Dort fand auch das Mittagessen als Selbstversorgung statt. Das Gebäude ist denkmalgeschützt in seiner Eigenschaft als militärischer „Infanterie-Stützpunkt“ der Reichsfestung Ulm. Die im vergangenen Sommer begonnene Sanierung des Daches wurde erfolgreich abgeschlossen.
3. Die übrige Zeit konnte spontan gestaltet werden, viel (zu viel?) war aber auch geplant. Einige Beispiele fürs Programm: Begrüßungsabend; Schwör-montag samt Empfang der Stadt; Länderabend; Kreativ-workshop (z. B. Bau eines Friedensdrachens); Stadt- und Münsterführung; Einstein-Aus-stellung; Studientag KZGedenkstätte/ Diktaturerfahrungen; Menschenrechts-Fragen/ amnesty; Erinnerungspolitik in Osteuropa; zwei Zeitzeugen-Nachmittage; Wanderung zum ehemaligen jüdischen Landschulheim Herrlingen und zum „Spatzennest“ der Naturfreunde; Tagesausflüge nach München bzw. Blaubeuren; Einzelbesuche in Ulmer Familien; Abschiedsabend mit vielen Nachbarn in Gleiselstetten.

Unterschiedliche Erwartungen und Konfl ikte eskalierten
Die Gruppe war sehr heterogen und die Erwartungen waren entsprechend unterschiedlich. Sie lagen zwischen starker Konsum-Orientierung und der Erwartung eines auf die eigenen Interessen zugeschnittenen Seminar-programms. Für einige war es der erste Aufenthalt in Deutschland, für andere der achte. Bei der Zwischenauswertung am Ende der ersten Woche brachen latente Gefühle eruptiv aus und wurden durch vier Teilnehmer zu einem grundsätzlichen Angriff auf Struktur und Idee des camps. So wurden die praktische Arbeit als zu umfangreich

Die wichtigsten Daten
Das Camp fand von Sonntag, 18. Juli bis Samstag, 31. Juli statt. Veranstalter waren die „Aktion Sühnezeichen/ Friedensdienste“ (ASF) in Berlin und ihr regionaler Partner, das Dokumen-tationszentrum Oberer Kuhberg (Annette Lein, Silvester Lechner).
Das Camp wurde von drei Teamerinnen geleitet: Anna Legoschina aus Nischnij Nowgorod, Germanistik-Dozentin an der dortigen Uni; Ulrike Huhn, Germanistik-Studentin aus Berlin; Annette Lein, Gedenkstätten-Pädagogin aus Ulm.
Es nahmen 17 junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren teil, zwölf Frauen und fünf Männer. Sechs Teilnehmer kamen aus den russischen Städten Nischnij Nowgorod und Perm, sieben aus Polen, zwei aus Rumänien, einer aus Ungarn, einer aus Frankreich. Die einzigen Deutschen waren die beiden Teamerinnen. Einige Mitglieder der DZOK-Jugendgruppe nahmen zwar gelegentlich teil, aber nicht, wie im vergangenen Jahr, kontinuierlich.
Allgemeine Zielsetzung des Camps war: Gegenseitiges Kennenlernen in der Gruppe bei Arbeit und Freizeit; Kennenlernen Ulms und seiner Region in Geschichte und Gegenwart, auf der Basis historischer Erinnerung zur Periode des Nationalsozialismus; Lernen und Erfahren von Toleranz, Menschenwürde, Demokratie auf dem Weg in ein gemeinsames Europa.

Viele Unterstützer und Helfer
ASF trug ein knappes Drittel der Gesamtkosten von fast 7000 Euro, die Teilnehmer leisteten einen Beitrag zwischen 40 und 100 Euro pro Kopf

 

für die ganze Zeit. Zwei Drittel der Kosten trug das DZOK, unterstützt von: Landesstiftung Baden-Württemberg; Stadt Ulm; Stadtjugendring Ulm; Jugendstiftung der Sparkasse Ulm; Jugendherbergsverband Baden-Würt-temberg; Stiftung Erinnerung Ulm.
Vielen einzelnen Helfern, insbesondere den Nachbarn in Gleiselstetten ist sehr zu danken. Stellvertretend genannt seien: Pfarrer Christian Buchholtz, Heinz Feuchter, Urs Fichtner und andere Mitarbeiter von amnesty international, Pfarrerin Tabea Frei, Fritz Glauninger, Herr Jehle, Linda Keim, Kindergarten „Freie Kinder“ e. V., Ehepaar Möckel; Marianne Obermeier-Weißer, Naturfreunde Ulm, Familie Rösch-Kübler, Martin Rivoir, Fritz Settele, Roman Sobkowiak, Wolfgang Traub, Hans-Peter Zagermann.


Marianne Obermeier-Weißer als Zeitzeugin während einer Mittagspause in Gleiselstetten (ADZOK, camp 2004, Foto: A. Lein)

 

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